GabrieleSenft_Inna_Sarikova

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Jedes Bild hat eine Geschichte zu erzählen. Ich denke an das Foto eines ukrainischen Jungen aus dem Jahr 1998, darauf feiert er gerade seinen ersten Geburtstag. Heute müsste er 26 Jahre alt sein und ich frage mich, ob er wohl gerade in der Ukraine als Soldat dient und den Krieg hautnah miterlebt. Dieses Foto konnte ich am 23. März 2023  bei der Vernissage der Fotoausstellung „Frauenblicke“ in Treptow-Köpenick betrachten. Die Ausstellung zeigt Bilder der Berliner Fotojournalistin Gabriele Senft und ihrer ukrainischen Freundin und Fotografin Inna Sarikova.

Der erste Geburtstag (Foto: Gabriele Senft)

Im Fokus der Ausstellung steht das Leben der ukrainischen Frauen während des Krieges. Die Eröffnung fand im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus statt und bot die Möglichkeit, mehr über die beiden Fotografinnen zu erfahren. Ins Ukrainische übersetzt wurde das Ganze von einer Freundin Innas. Gabriele und Inna schilderten, wie ihre Leidenschaft zur Fotografie sie verbindet. Bei beiden begann die Begeisterung schon im frühen Kindesalter und wurde von Lehrern oder schulischen Fotogruppen weiter angefacht.  Die Berlinerin Gabriele holt einen ihrer ersten Fotoapparate hervor und zeigt den golden schimmernden Apparat in die Runde. Das Schwelgen in Erinnerungen schafft eine nostalgische und rührende Atmosphäre im ganzen Raum, die die Berlinerin gewitzt kommentiert mit: „Ich bin eine Oma, ich darf sowas erzählen“.  Dieser Moment ist so bezeichnend für die ganze Veranstaltung, die trotz ihres ernsten Themas stets begleitet wurde von Lachern und Freude.

In der Pause komme ich mit Gabriele ins Gespräch und erfahre mehr über ihre Arbeit und die Ausstellung. Ihren goldenen Fotoapparat erhielt sie damals als zehnjähriges Mädchen zu Weihnachten von ihren Großeltern. Dieser ist jedoch mittlerweile einem neueren Gerät gewichen. Sie erzählt mir von ihren beiden Reisen in die Ukraine von 1985 und 1998. Dort sind ihre Bilder entstanden. Zusammen mit ihr betrachte ich die Ausstellung und es wird klar, dass hier zwei vollständig unterschiedliche Stile aufeinandertreffen. Gabriele betrachtet ihre Fotografie als Reportage, sie möchte das Leben zeigen, wie es ist. Innas Fotografie dagegen ist kunstvoll inszeniert. Beides zusammen ergänzt sich perfekt und schafft es, den Krieg von einer anderen Seite zu zeigen. Die Ausstellung dient dabei nicht dazu, zu demonstrieren was die beiden Fotografinnen können. Sie soll als Symbol für Solidarität und Frieden gelten.

Der Abend war des Weiteren gespickt von mehreren lyrischen und gesanglichen Überraschungen. Eine Gruppe Kinder trug ukrainische Gedichte auf Deutsch und Ukrainisch vor. Lieder wie „die kleine weiße Friedenstaube“ oder „Ein bisschen Frieden“ werden von allen Anwesenden gesungen und von einer Gitarre begleitet. Vieles Weiteres erheiterte den Abend und zeigte, wie geschlossen diese Gemeinschaft hinter der Ukraine steht. Alles in allem war es eine Veranstaltung, die zum Nachdenken anregte und ich hoffe, dass der 26-jährige junge Mann eines Tages im Frieden nach Hause zurückkehrt.

Wenn auch Sie einen Blick in die Fotoausstellung werfen wollen, können Sie das noch bis zum 12. Mai 2023 im KIEZKLUB Allende (Salvador-Allende-Straße 89, 12559 Berlin) tun. Bei der Finissage am 11. Mai ab 18.00 Uhr gibt es Musik, Getränke und die Gelegenheit, mit beiden Fotografinnen ins Gespräch zu kommen.

Autor: Jonas Hübner (April 2023)

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