Wenn “Bücher” sprechen – Die Lebendige Kiezbibliothek
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„In der Schule war ich gutes Mittelmaß. Dann bekamen wir in der 9. Klasse eine neue Lehrerin. Sie kam frisch von der Uni. Eine Lehrerin, wie man sie sich vorstellt. Wir laden sie immer noch zu den Klassentreffen ein. Diese Frau ist mitverantwortlich dafür, dass wir so geworden sind wie wir sind.“ Klaus Schmidt, Jahrgang 1945, Kind von Neulehrern aus der Nähe von Magdeburg, erzählt aus seinem Leben. Blättert gewissermaßen Seite für Seite durch seine Biographie mit ihren Höhen, Tiefen und Brüchen. Drei Frauen und ein Mann sitzen mit ihm am Tisch, hören ihm zu. Wir sind in der Mittelpunktbibliothek Alte Feuerwache in Schöneweide, die sich für einige Stunden in eine Lebendige Kiezbibliothek verwandelt hat – so der Titel der Veranstaltung. Klaus Schmidt ist heute eines der „Bücher“. Seine Geschichte will er mit anderen teilen. Zwei Zuhörerinnen kommen wir er aus dem Osten, können aus eigenem Erleben ergänzen. Für die anderen beiden ist das alles neu. Beeindruckt lauschen sie seinem Lebensweg, der ihn über Offiziersschule und Marine zum Fuhrparkleiter in einer Molkerei und später zum Fernstudium der Volkswirtschaft geführt hat. Hier steige ich aus. Nicht weil es mich nicht interessiert, ich habe Angst, etwas zu verpassen. Am Nebentisch hat sich eine größere Runde von Frauen versammelt: Asie aus Syrien, Almaz aus Eritrea, Ivana aus Italien und Alexandra aus Köln. Sie diskutieren über Identität, suchen nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Mittendrin Robert Ringel, der sich ehrenamtlich für die Lebendige Kiezbibliothek engagiert. Organisiert wird sie von interaXion – offensiv 91 e.V. Der Gedanke dahinter: Menschen aus Treptow-Köpenick miteinander ins Gespräch bringen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. Zuhören, wenn sie ihre ostdeutschen Biographien, ihre Migrations- und Fluchtgeschichten erzählen. Wer unsicher ist, wie er seine Geschichte spannend erzählt, kann sich in Workshops darauf vorbereiten. Jede und jeder kann selbst entscheiden, ob sie oder er in kleiner oder großer Runde sprechen, einen Monolog halten oder Fragen beantworten möchte. Klaus Schmidts Lebensgeschichte bleibt für mich ein Buch, das ich leider nicht zu Ende „gelesen“ habe. Dabei hätte ich mich nur mal über den Ablauf der Lebendigen Kiezbibliothek informieren müssen. Nach einer Dreiviertelstunde ist eine kurze Pause, dann kann man zum nächsten „Buch“ wechseln. Nächstes Mal weiß ich Bescheid. Also am 25. November bei der 5. Lebendigen Kiezbibliothek, dann in der Mittelpunktbibliothek “Alter Markt“ in Köpenick.

Autorin: Claudia Berlin (Oktober 2022), Foto: Reginald Gramatté

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