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Neue Stadtführerinnen hat der Kiez

„Und das ist meine Lieblingsskulptur“ sagt Galina Scholtz und zeigt auf die dicke Brunnenfigur, die in unbequemer Haltung Wäsche wäscht. Ein Denkmal für Henriette Lustig, die 1835 die erste Wäscherei in Köpenick gründete. „Bis nach Charlottenburg hat Mutter Lustig, wie sie genannt wurde, die Wäsche geliefert. Erst mit dem Handwagen, später mit der Pferdekutsche. Das Spreewasser war schön weich und auf den Wiesen konnte die Wäsche getrocknet und gebleicht werden. Im Jahr 1900 gab es in Köpenick 87 Wäschereien.“ In ihrer Stadtführung geht es mal nicht um den Hauptmann und seine Garde, sondern um Frauen, die Köpenick geprägt haben. Den Kiez mit anderen Augen zu sehen, das hat Galina Scholtz in einem Projekt des Türöffner e.V. gelernt. Ihr Mann hatte im Radio davon gehört und gemeint, das wäre was für sie. Seit Jahren schon hatte die gebürtige Weißrussin, die der Liebe wegen nach Berlin gekommen war, vor allem Landsleute durch die Stadt geführt. Das Projekt „Der andere Blick“ war wie für sie gemacht: für Menschen mit Interesse an Geschichte und Geschichten und Spaß daran, sie anderen zu vermitteln, gern auch in einer Fremdsprache. Ein halbes Jahr lang hat Monika Kleinert, professionelle Stadtführerin, ihr Wissen weitergegeben. Über Ortskenntnis und Historisches, Vortrags- und Kommunikationstechniken. Nicht theoretisch auf der Schulbank, sondern praxisnah, immer unterwegs im Stadtbezirk. Vorgefertigte Texte für die Teilnehmer*innen gab es nicht, sie mussten sich ihre Themen selbst erarbeiten. „Das war nicht leicht, ich musste mein Gehirn ganz schön kneten“, sagt Galina Scholtz. Sie wisse jetzt nicht nur viel mehr, sondern habe viele Tipps bekommen, wie sie Stadtführungen interessant gestalten kann: kurze Wege, viel erzählen, weitergehen, wenn es zu laut ist. Und sie hat auch schon Ideen für künftige Stadtführungen. Den Einfluss von Slawen und Hugenotten, die Geschichte hinter den Straßennamen, die Kirchen im Stadtbezirk. Das alles möchte sie bald mit Reisegruppen oder Schulklassen teilen, nun als Stadtführerin mit Zertifikat.

Text: Claudia Berlin (Oktober 2021), Fotos: Reginald Gramatté

Eine Führung (auf Deutsch oder Russisch) kostet zehn Euro pro Person.
Hier können Sie bei Interesse eine Führung buchen: galinascholtz@freenet.de

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