Stolpersteine in Schöneweide
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Mit Geschichts-Detektiven unterwegs

Wer heute durch Schöneweide geht, stößt in der Brücken-, der Spree-, der Zeppelinstraße und der Schillerpromenade auf Stolpersteine. Lebensdaten auf 10×10 cm großen Messingplatten im Pflaster erinnern an frühere Nachbarn, die zur Nazizeit verfolgt und ermordet wurden. Warum sind in unserem Kiez diese Spuren viel rarer als in Friedrichshagen, fragt sich Robert Jabbusch Anfang 2021. Man sollte das erforschen… Aber wie und wo?

Im Mai organisiert er den ersten Workshop für weitere an Lokalgeschichte(n) Interessierte. Sie befassen sich mit dem Stolperstein-Projekt des Künstlers Gunter Demnig, mit Büchern und Archiven, die weiterhelfen. Namen kommen ins Gespräch, Recherchen starten: Die Stolpersteingruppe Schöneweide ist geboren. Seitdem sammeln sieben Frauen und Männer in ihrer Freizeit Daten und Fotos, korrespondieren bis nach Israel und in die USA, entdecken Nachfahren, netzwerken u.a. mit dem Zentrum für Demokratie. Ergebnisse präsentiert Ende September 2022 ein Stolpersteinspaziergang durch Nieder- und Oberschöneweide. Zudem hat auch die Initiative TKVA – Treptow-Köpenick für Vielfalt und gegen Antisemitismus eingeladen. 15 Leute kommen, zählt Robert Jabbusch zufrieden.

Kiezgeschichte(n) zum Innehalten

Der im Mai verlegte Stolperstein an der Brückenstraße 1 wird gesäubert und mit Blumen geschmückt. Er erinnert an Marie Rosa Jokl (1868 – 1943). Die Jüdin lebte hier vor 80 Jahren bei Tochter und Schwiegersohn. Der war Anwalt und Notar und glaubte bis 1942 nicht, dass die Nazis eine unbescholtene alte Frau „einfach abholen“. Bis die 74-Jährige deportiert wird. Marie Rosa Jokl übersteht das Grauen von Theresienstadt nur wenige Wochen. Sie stirbt am 1.2.1943, an „Lungenentzündung“ heißt es im Totenschein.

In der Spreestraße 1 war der Steinholzleger Otto Dunkel (1889 – 1945) zuhause, ein engagierter Gewerkschafter. Während der Nazizeit arbeitet er als Kurier zwischen Widerstandsgruppen. Verrat bringt ihn 1942 ins KZ Neuengamme. Ende des II. Weltkriegs zwingen die Nazis Tausende KZ-Häftlinge an Bord der „Cap Arcona“. Auch Otto Dunkel stirbt, als britische Piloten das Schiff irrtümlich im Mai 1945 versenken, fünf Tage vor Kriegsende.

Unser Rundgang führt meist zu schlichten Adressen. Arbeiter, jüdische Familien, ein Fabrikantenpaar. Sie alle wurden gewaltsam aus ihrem normalen Leben gerissen … – Am Ende sind die Steine poliert, die Rosen verteilt. Das Gehörte klingt nach.

„Wenn wir Lebenswege verfolgter Menschen erforschen, bewahren wir sie vor dem Vergessen; sie haben ein Innehalten verdient und liefern bis heute Denkanstöße.“ Robert Jabbusch spricht auch im Namen seiner Mitstreiter:innen. Verstärkung brauchen die Geschichts-Detektive jederzeit! Gerade lassen sie Stolpersteine für die ausgelöschte jüdische Familie um Simon Feldmann anfertigen. An deren Wohn- und Arbeitsort Tabbertstraße 14 sollen sie am 3. März 2023 ins Pflaster kommen. Hilfe von einem handwerklich Begabten wäre super! – Das gibt mir Robert mit auf den Weg.

Autorin: Claudia Korte (Dezember 2022), Fotos: Reginald Gramatté

Initiative Stolpersteine Schöneweide

Die Gruppe trifft sich an jedem zweiten Mittwoch im Monat, 19.00 Uhr, im Kiezklub Plönzeile 7. Interessierte sind herzlich willkommen! E-Mail: Stolpersteine-schoeneweide@gmx.de

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